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Schmalrehe früh bejagen

Mai-Ausgaben deutscher Jagdzeitschriften beschäftigen sich traditionell mit derBockjagd. Das Mai-Heft 2001 der DJZ hat deshalb Schmalrehe zum Thema. Wildmeister Hans-Joachim Duderstaedt berichtet nicht nur aus dem DJZ-Revier.

Von Hans-Joachim Duderstaedt

A

Schmalreh
Ein Schmalreh. Um sicher zu gehen, sollte man warten, bis das Stück völlig spitz steht. Der Blick zwischen die Keulen räumt um diese Jahreszeit jeden Zweifel aus.

Der 1. Mai, vor Jahren der 16. Mai, ist ein lang ersehntes Datum der Jäger. Traditionell steht die Jagd auf den Bock im Vordergrund. Und viele Jäger tun sich mit der Schmalreh-Bejagung im Mai schwer, obwohl gerade die Änderung der Jagdzeit auf den 1. Mai für die Jährlingsbejagung, ob männlich oder weiblich, optimal ist. Besonders beim Rehwild wird oft von der „Hege mit der Büchse“ gesprochen. Hier haben wir eine Möglichkeit, nach Altersklasse und Stärke anzusprechen.

An Jäger-Stammtischen gibt es ihn ja immer noch: den Rehwild-Kenner, der das Wild nach Alter, Trophäen-Stärke und Wildbret-Gewicht ansprechen kann ... Ich gehöre nicht dazu. Aber am Anfang der Jagdzeit schwache Schmalrehe (und Jährlinge) sauber anzusprechen und zu erlegen, ist möglich, und wir sollten es auch nutzen.

Was ist denn tatsächlich einigermaßen sicher anzusprechen? Männliche und weibliche Kitze in der Jagdzeit, Jährlingsböcke und Schmalrehe bis zum 14ten Lebensmonat. Der Rest bleibt „fraglich“. Einigen wir uns auf die Ansprech-Möglichkeit: Ricken und Böcke zwei Jahre und älter.

Hier wird mancher entrüstet Adrenalin produzieren. Doch sind wir mal ehrlich und erinnern uns, wie oft wir uns am erlegten Stück bestätigt gefühlt... oder geirrt haben.

Berufsbedingt habe ich sehr viel weibliches Rehwild erlegt. Sicherlich so an die 2.000 Stück. Und wenn man sein „Ansprech-Ergebnis“ mit dem tatsächlich erlegten Stück vergleicht, dann kommt man im Laufe der Jahre zu dem Ergebnis, dass nur besagtes Grobansprechen, wie ich es oben zitiert habe, beim Rehwild möglich ist. Man wird sicher in vielen Fällen richtig liegen, aber oft genug auch falsch.

Vorteile im Mai

  • Im Mai haben wir wirklich gute Möglichkeiten, in der Jährlingsklasse, ob männlich oder weiblich, sauberen Wahlabschuss zu betreiben. Die frühe Jagdzeit hat aber noch weitere Vorteile. Im Mai ist das Rehwild ausgesprochen tagaktiv und viel auf den Läufen. Das hängt damit zusammen, dass mit der einsetzenden Vegetation dem Rehwild nährstoffreiche Äsung zur Verfügung steht, die gierig angenommen wird. Auch spielt sicher eine Rolle, dass nach der langen Schonzeit das Wild vertraut ist. Aktives Wild bringt viel Anblick und gute Jagd-Möglichkeiten. Also, nutzen wir den Mai.
  • Ein weiterer Vorteil ist die überall niedrige, noch in der Startphase befindliche Vegetation. Geringe Vegetation erleichtert das Ansprechen. Niedriges Gras präsentiert uns das Wild in seinem ganzen Erscheinungsbild. Alles Dinge, die die Jagd erleichtern.
  • Das Ansprechen von Schmalrehen ist im Mai ohnehin leicht, ja eindeutig. Wir können davon ausgehen, dass wir es biologisch gesehen im Mai häufig noch mit Kitzen zu tun haben, also Stücken, die im ersten Lebensjahr sind. Schon der Blick aufs Haupt zeigt uns typisch kitzähnliche Proportionen. Häufig ziehen Schmalrehe jetzt allein, gelegentlich in Gesellschaft von „Brüderchen oder Schwesterchen“, weil die Ricke vor dem Setzen des neuen Kitzes den alten Nachwuchs, fast möchte man sagen, „weg jagt“.
  • Im Mai ist das Verwechseln einer Ricke mit einem Schmalreh bei der Beachtung einiger Regeln praktisch ausgeschlossen. Die Ricken präsentieren sich entweder hochbeschlagen, also kastenartig dick, oder bei frühem Setzen mit eingefallenen Flanken. Immer aber haben sie die Spinne, die beim Rehwild spitz von hinten nicht zu übersehen ist. (Sie ist bei Ricken viel leichter zu erkennen als etwa beim Rot-Alttier.)
Fazit:Wer sich also im Mai auf kurze Entfernung mit dem Doppelglas, auf weitere Entfernung mit dem Spektiv, das vermeintliche Schmalreh in Ruhe spitz von hinten anschaut, kann die Spinne um diese Jahreszeit nicht übersehen. Problematischer wird das Ganze im Sommer, wenn die Spinne schon deutlich zurückgebildet ist. Ich wäre deshalb für eine Jagdzeit auf Schmalrehe nur im Mai, für Schonzeit im Juni, Juli, August und Freigabe des gesamten weiblichen Wildes und der Kitze ab September.

Ansprechen im Herbst/Winter

Die Altersmerkmale verschwimmen im Verlauf des Jahres immer mehr. Wenn dann im Herbst/Winter alles Wild im Winterhaar ist, wird die Altersansprache immer schwerer. Zwei Beispiele aus der Praxis:
  • Im November sitze ich mit einem Jagdfreund an einer rund einen Hektar großen Äsungsfläche, um Rehwild zu erlegen. Um uns herum fast nur äsungslose Fichten-Reinbestände im Alter von 15 und 30 Jahren. Die attraktive Äsung müsste eigentlich Wild in Anblick bringen. Trotz der oft anblickarmen Jahreszeit zieht schon bald ein Rudel Muffelwild auf die Wildwiese: mehrere Schafe mit ihren Lämmern und ein reifer, etwas enggestellter Widder. Im Rudel zieht offensichtlich ein brunftiges Stück, dem der Widder ständig flämend folgt. So schön dieser Anblick ist, die Chance, ein Stück Rehwild zu erlegen, erhöht sich dadurch nicht, aber das Rudel zieht bald in der für Muffelwild so typisch unsteten Art hangabwärts.

    Als nächstes erfreut uns ein mittelalter Keiler mit seinem Anblick. Langsam und bedächtig zieht er vertraut über die Wiese. Den fragenden Blick meines Freundes quittiere ich mit einem Lächeln. Doch schließlich tritt Rehwild aus, zuerst eine Ricke mit Bockkitz, dann folgt ein wildbretstarker Bock, der abgeworfen hat.

    Am hinteren rechten Rand der Äsungsfläche erscheint kurz darauf ein weiteres weibliches Stück. Es bleibt allein. Wir sprechen es lange an und tauschen dabei unsere Eindrücke aus. Ein gut proportioniertes weibliches Stück. Das Haupt ist im Verhältnis zum Rumpf wenig markant. Die Lauscher wirken eher kurz. Die Bewegungen des Stückes sind elastisch harmonisch, auch im Wildbret ist das Stück gut entwickelt, rund und gesund, wie man so sagt. Wir sind davon überzeugt, dass wir hier ein Schmalreh so mit 14 bis 15 Kilo vor uns haben, genau das richtige Stück für die Küche. Mit dem Schuss im Kaliber 5,6x52 R kurz hinter dem Blatt bleibt das Stück im Feuer.

    Im Bewusstsein unserer „jagdlichen Unfehlbarkeit“ baumen wir ab, „erlösen“ den Hannoverschen Schweißhund Bor von seinem Ablegeplatz und gehen mit dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, zum Stück. Die Kugel sitzt sauber. Und wir beginnen mit dem Aufbrechen. Erst am Schloss bemerke ich, dass mein Freund Schwierigkeiten hat, es zu öffnen. Mit dem Zeigefinger fühle ich die Schlossnaht, die bekanntlich bei einem Schmalreh gut zu fühlen ist. Hier fühlt man aber gar nichts. Der nächste Griff geht zum Unterkiefer: Zahnlücken, und ein Abschliff, wie man ihn sich bei einem Bock wünscht. Schneidezähne – Fehlanzeige.

    Nach dem Unterkiefer ist das vor uns liegende „Schmalreh“ das älteste Reh, das ich bisher gesehen habe. Der erste Molar fehlt beidseitig, ansonsten prägen den Unterkiefer nur noch Zahnfragmente. Wie man sich täuschen kann.

    Als das Stück versorgt und ausgeschweißt in der Wildkammer hängt, zeige ich es meinen beiden Berufsjäger-Lehrlingen. „Eindeutig Schmalreh“, fast im Chor. Ich bin übrigens gern bereit, zuzugeben, dass es auch schon umgekehrt zu dieser Jahreszeit vorgekommen ist, dass ein als alte Ricke angesprochenes Stück sich im Nachhinein als Schmalreh entpuppt hat.

  • Ganz anders im Mai. Die DJZ-Redakteure jagen im DJZ-Revier in Pirsch-Bezirken. Einige Hochsitze haben wir heute Abend besetzt. Wir jagen auf Schmalrehe und Böcke.

    Mit einem frischgebackenen Jungjäger, den wir ausgebildet haben, sitze ich an einer dem Wald vorgelagerten großen Wiese. Er soll heute in meinem Beisein sein erstes Stück Rehwild erlegen. Ich halte es mit den Jungjägern wie mit den Schweißhunden: Das Erbeuten des ersten Stückes muss wie die erste Nachsuche glatt, erfolgreich und positiv sein, weil es prägt.

    Schon bald zieht, wie üblich um diese Jahreszeit, Rehwild aus. Vorn an der Waldkante des „Buchenecks“ äst ein Jährling. Sein gut nach vorn verecktes Gabelgehörn ist noch im Bast. Es folgt ein weiterer Jährling mit reichlich lauscherhohen Spießen, ebenfalls im Bast. Beide sind jetzt Mitte Mai bis übers Blatt hinaus verfärbt. Nur an den Keulen zeigt sich noch graues Winterhaar.

    Rund 150 Meter weiter äst ein völlig durchgefärbtes Stück vor einem Rapsacker. Es ist ein mehrjähriger ungerader Sechser. Handbreit ragen ziemlich enggestellte dunkle Stangen über die Lauscher. „Den kenne ich vom vorigen Jahr“, flüstert der Jungjäger. Schließlich entdecken wir noch ein völlig graues Stück, und ich überlasse die erste Ansprache meinem Begleiter.

    „Eine hochbeschlagene Ricke, kurz vor dem Setzen“, spricht er an. „Wie alt“,frage ich. „Weiß ich nicht“,erwidert er. Ich schmunzle und denke: „Ich auch nicht.“ Dieser herrliche Mai-Abend wird leider von einem Feierabendbauern gestört. Das Wild springt ab, schade.

    Es wird schon leicht dämmrig, da zieht wieder Rehwild aus dem Bestand. Es sind zwei geringe, etwas struppig wirkende Stücke. Im Spektiv sind sie eindeutig als Schmalrehe anzusprechen. Typisch die kindlichen Häupter. Ein Blick als letzte Sicherheit zwischen die Hinterläufe, dann ist das Urteil gefällt. Noch stehen sie zu nahe am Waldrand, denn ich möchte, wenn möglich, beide Stücke erlegen.

    Als die beiden Schmalrehe sich etwa 100 Meter vom Waldrand entfernt haben, fordere ich meinen Begleiter auf, eines der beiden Schmalrehe zu erlegen. Ich löse damit schlagartig eine Art Malaria-Anfall bei ihm aus. Aber als er merkt, dass ich mich selbst auch fertig mache, scheint das eine beruhigende Wirkung zu haben. Nach langem Zielen fällt dann der Schuss. Das Aufatmen des Schützen und das Geräusch des Nachladens registriere ich fast gleichzeitig. Das Stück bleibt im Feuer. Aber ich konzentriere mich nun auf das zweite Schmalreh, das 20 Schritt vom Bestandsrand verhofft und zurückäugt.

    Auch dieses Stück verendet am Anschuss. Auf der Strecke liegen zwei Schmalrehe, die eigentlich noch wie Kitze aussehen. Beide wiegen aufgebrochen mit Haupt neun Kilogramm. Besser hätte es nicht laufen können.

In ein paar Tagen beginnt die Jagdzeit auf Böcke und Schmalrehe. Nehmen wir uns doch einmal vor, ganz gezielt geringe Schmalrehe zu bejagen. Fehler kann man Anfang Mai kaum machen. Aber nicht vergessen, der Blick zwischen die Keulen gibt die letzte Sicherheit.

Foto: Jürgen Gauß

F

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Bild
Ist die Spinne gefüllt, ist sie um diese Jahreszeit nicht zu übersehen. Es ist praktisch ausgeschlossen, die Ricke als Schmalreh anzusprechen. Aber Vorsicht, das folgende Bild vermittelt einen anderen Eindruck.
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Bilder
Die Spinne kann in dieser Jahreszeit - also im Mai - auch weniger auffällig sein.

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