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06/2000
Kreisen - hohe Saujagdkunst

Als Kirrjagd noch zur Ausnahme gehörte, wurde besonders bei einer Neuen regelmäßig gekreist und auf Sauen gejagt - ein Bericht aus der DJZ-Jagdpraxis.

Von Hans-Joachim Duderstaedt

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Kreisen im Schnee

Als Kirrjagd noch zur Ausnahme gehörte, wurde besonders bei einer Neuen regelmäßig gekreist und auf Sauen gejagt. Wildmeister Hans-Joachim Duderstaedt berichtet aus der DJZ-Jagdpraxis.

Würde man eine Umfrage unter Jägern starten, welche Jagd auf welche Wildart die beliebteste ist, so würde ein Saudrücken bei Schnee sicherlich von vielen favorisiert.

Sind bei uns die herbstlichen großen Bewegungsjagden vorüber, warten alle sehnsüchtig auf Schnee. Das bedeutet Spannung und Jagdfreude vom Beginn des Kreisens bis hin zu den am Nachmittag durchgeführten kurzen Drückjagden.

Die regelmäßigen DJZ-Leser werden wissen, daß die Sauen im DJZ-Revier ganzjährig von der Einzeljagd verschont werden. Neben den großen Bewegungsjagden sind die kleinen gekreisten deshalb wichtig für die Einregulierung des Sauenbestandes.

Wegen der relativ großen Waldfläche wird zunächst nach festgelegtem Schema mit dem Fahrzeug großflächig gekreist, wobei die Wege kreuzendes Schwarzwild nach Ort, Richtung, Stückzahl und Rottenaufbau schriftlich festgehalten wird. Es ist wichtig, die Kopfzahlstärke möglichst genau zu ermitteln, um Verwechslungen mit anderen zu- oder auswechselnden Rotten zu vermeiden. Durch Vor- oder Zurückgreifen läßt sich das meist ziemlich genau feststellen.

Hat man sich Klarheit verschafft, werden die Fährten auf den Wegen verwischt, um am nächsten Tag, falls kein Neuschnee fällt, Verwechslungen zu vermeiden. Auf diese Weise erhalten wir einen recht genauen Überblick, wie das Schwarzwild großflächig im Revier wechselt. Diese Vorarbeit ist eine wichtige Hilfe beim kleinflächigen Kreisen zu Fuß für die eigentliche Jagdausübung. Das Umschlagen der beliebten Schwarzwildeinstände – und das ist wirklich wichtig – erfolgt mindestens in einem Abstand von 100 Metern, um sicher zu vermeiden, daß die Sauen zu früh angerührt werden.

Bei dieser sicheren Entfernung von den Einständen kann man sich auch guten Gewissens erlauben, auf der Fährte vor- oder zurückzugreifen, um die genaue Rottenstärke zu ermitteln. Auch hier werden, wenn nicht am selben Tag gejagt werden soll, die Fährten verwischt, um am nächsten Tag ein unverwechselbares Fährtenbild vorzufinden.

Das Falscheste, was man machen kann, ist, auf den Wegen zu kreisen, die die Einstände schneiden. Dieses, wie wir es nennen, „kleine Kreisen“ innerhalb größerer Einstandskomplexe machen wir erst dann, wenn die Stände besetzt sind. Das „kleine Kreisen“ dient mehr dazu, Treiber und Hunde gezielt an die Sauen heranzubringen. In günstigen Fällen ist es auch möglich, je nach Ergebnis des kleinen Kreisens, Schützen kurzfristig neu einzuweisen.

Die erste Priorität bei der morgendlichen Arbeit ist, ein Regemachen der Sauen auf jeden Fall auszuschließen. Es gibt kaum etwas Blamableres, wenn man Sauen meldet, einlädt und dann bereits beim Abstellen feststellen muß, daß die Sauen ihren Einstand verlassen haben. Das mag zwar gelegentlich auch andere Störungsgründe haben, aber meist sind wir es selbst gewesen, die die Sauen lockergemacht haben.

Ein Problem ist, solange Jäger gekreist haben oder kreisen werden, die einwandfreie Ansprache der Fährten. Zugegebenermaßen kann es Schneeverhältnisse geben, bei denen für unerfahrene Kreiser Verwechslungen vorkommen können. Wenn das Trittsiegel zum Beispiel bei hohem Pulverschnee nichts Eindeutiges aussagt, so muß zur Bestimmung der Wildart die Fortbewegung (also vertrautes Ziehen, Troll oder hohe Flucht) in Bezug zur Schrittlänge und des Schränkens erkannt werden. Ebenso kann es schwierig werden, wenn durch plötzlich warme Luft der Schnee beginnt zu verlaufen. Rehe und Muffel spüren sich dann plötzlich im Trittumfang so stark wie Sauen, und so mancher wird dann die Jagd unterlassen, um sich nicht zu blamieren.

Die Art des Schnees spielt dabei, wie bereits angedeutet, eine gewisse Rolle. Wer bei bestem Spurschnee, also wenige Zentimeter hohem, nassem Schnee, der jeden Schritt deutlich lesbar macht, nicht das Fährtenbild sicher ansprechen kann, scheitert bei hohem oder gar Pulverschnee vollends. Problem: Man lernt das mühelose Auseinanderhalten nicht in Büchern und auch nicht in Kursen, sondern ausschließlich in der Praxis.

Früher, als Kirr- und Nachtjagd noch als unwaidmännisch galten, vielleicht weil die optischen Hilfen noch nicht so ausgereift waren wie heute, waren gekreiste Jagden auf Sauen die beliebteste und häufig praktizierte Jagdart. Zu dieser Zeit gab es hervorragende Kreiser. Die Übung macht es eben.

Heute wird meist nur noch dann gekreist, wenn durch Eichel- und Buchenmast die Sauen die Kirrungen nicht mehr annehmen. Da kommt es dann eben vor, daß gekreiste Sauen beim genauen Hinschauen ein zwei Meter hohes Gatter überfallen haben und sich als Rothirsche entpuppen.

Noch häufiger erlebt man, daß an zwei Stellen mehrere Sauen eingewechselt sind und nur an einem Wechsel Sauen heraus sind. Also, so glaubt man, müßten welche stecken. Kann sein, muß aber nicht sein. Es könnten durchaus alle eingewechselten Sauen auf dem gleichen Wechsel hinaus sein. Letzte Gewissheit bringt nur die genaue Stückzahl der ein- und ausgewechselten Stücke.

Besonders wichtig ist es, beim Kreisen den Wind zu beachten. Sauen sind zwar fast blind, vernehmen aber recht gut und winden ganz ausgezeichnet. Beim Kreisen entferne ich mich an der Seite, wo der Wind verräterisch sein könnte, vom vermuteten Einstand noch weiter weg.

Auch die Wetterlage spielt eine Rolle. Sind die Dickungen tief verschneit, liegen die Sauen meist sicher und fest. Bei strengem Frost und wenig Schnee ist es eher umgekehrt. Das Wetter bestimmt auch, wo sich die Sauen am liebsten einschieben. Das sind durchaus nicht immer die dunkelsten, dichtesten Dickungen, denn gerade im Winter sind die Sauen geradezu sonnenhungrig. Bläst ein steifer Wind, so werden die Sauen ihn tagsüber meiden. Sie liegen dann in windabseitigen Beständen im Revier.

Bei uns ist es wiederholt vorgekommen, daß Sauen in Althölzern festgemacht wurden. Manchmal hat das einen so lächerlichen Anschein bei den zusammengerufenen Schützen, daß das in ihrem Minenspiel nicht zu übersehen war. Meist lagen die Sauen dann unter einer oder einigen aufgeworfenen Fichten oder in einem kleinen Anflughorst in der Naturverjüngung. Genaue Revierkenntnis ist in solchen Fällen natürlich für den Erfolg unabdingbar. Abstellen und Sprengen der Rotte ist bei solchen Gelegenheiten verständlicherweise fast ein Kinderspiel.

Ist man sich seiner Sache sicher, darf es kein Zögern geben. Der Wintertag ist kurz, und das Zusammenziehen der Schützen nimmt Zeit in Anspruch. Auch hier haben wir ein System mit „Schneeballcharakter“. Der Jagdleiter informiert mehrere Jäger, die ihrerseits nach Liste einen vorher festgelegten Personenkreis anrufen und einladen. Dieser Kreis der Gäste hat in der Regel die notwendige jagdliche Ausrüstung schnell greifbar und ist kurzfristig abrufbar.

Wir haben es uns seit einiger Zeit zur Regel gemacht, bei den gekreisten Jagden nur noch Frischlinge freizugeben. Haben wir die Wahl, bejagen wir solche Bachen, die ihre Frischlinge zur Unzeit gefrischt haben. Das läßt sich am Fährtenbild leicht feststellen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Abschließend möchte ich eine gekreiste Jagd schildern, die optimal abgelaufen ist und den Beteiligten sicherlich unvergeßlich bleiben wird. Das Saudrücken liegt vier Jahre zurück. Wie gewohnt waren meine Berufsjägerlehrlinge und ich gegen 8 Uhr ausgerückt, um zu kreisen.

Auf die Altschneedecke waren in der zweiten Nachthälfte ein paar Zentimeter Neuschnee hinzugekommen. Der Schnee war naß, aber noch nicht verlaufen, das Wetter windstill, der Himmel bedeckt.

Beim weiträumigen Kreisen fiel eine sehr starke Rotte auf, die einen Fichtenaltholzkomplex angenommen und nicht verlassen hatte. Da außer diesem großen Familienverband sich recht viel Rot- und Muffelwild fährtete, wurde der Komplex, um sicher zu gehen, noch einmal zu Fuß umschlagen. Auch den Einwechsel untersuchte ich noch einmal genau, um Rottenaufbau und Stückzahl zu ermitteln. Dem Fährtenbild nach setzte sich die Rotte aus mehreren Bachen, Überläufern und Frischlingen zusammen, insgesamt um die 35 Stück.

Bis kurz vor dem Zusammentreffen mit einem Kollegen schien sich zu bestätigen, daß die Großrotte irgendwo im Altholz steckte. Wir waren vielleicht noch 20 Meter auseinander, als wir beide gleichzeitig die Rotte vertraut im Altholz im Gebräch stehen sahen: sechs stärkere und starke Bachen, fünf Überläuferbachen und 26 Frischlinge.

Da das Schwarzwild aufgrund unserer Bejagungsstrategie (keine Einzeljagd auf Sauen im Wald) tagaktiv ist, war dieser Anblick nicht unbedingt ungewöhnlich, erschwerte aber unter Umständen das Kreisen erheblich. Wir zogen uns vorsichtig zurück, um eine Stunde später wiederholt zu kreisen. Hierbei stellten wir fest, daß die Rotte den Altholzkomplex vertraut verlassen hatte und sich in einem benachbarten, etwa 20-jährigen Fichtenstangenholz von vier Hektar Größe gesteckt hatte.

Per Mobilfunk wurde nun „Alarm geschlagen“. Wir setzten Uhrzeit und Ort des Treffens sowie die Anzahl der Schützen fest, die benötigt wurden. In der Zwischenzeit, bis zum Eintreffen der Schützen, besprach ich unsere „Jagdstrategie“ mit den beiden Lehrlingen. In solchen Situationen wird besonders genau die Verteilung der Stände nach Sicherheitsaspekten und nach der Lage der Wechsel, auch der Fernwechsel, besprochen; ebenso der Einsatz von Hunden und Treibern, vorrangig unter Berücksichtigung des aktuellen Windes.

Um 13 Uhr standen am Treffpunkt 16 erwartungsfrohhe, gespannte Jäger. Durch die genaue Kenntnis der zu bejagenden Rotten wurden nur Frischlinge und (damals noch) einzel anwechselnde Stücke bis 40 Kilogramm freigegeben. Alle anderen Stücke waren absolut tabu.

Als wir dann zu den Ständen aufbrachen, wußte jeder Schütze, daß an- und abgeblasen wird, geschossen werden kann, wenn zu Nachbarn (falls vorhanden) Sicherheit besteht und der erste Schuß auf Schwarzwild abgegeben wird, bevor der Fuchs bejagt werden kann.

Als ich das Treiben anblies, stand ich mit zwei Terriern am Einwechsel der Rotte. Ebenfalls mit zwei Hunden stand ein Mitarbeiter mit genauen Ortskenntnissen am gegenüberliegenden Einstandsrand. Wir wußten genau, wie die Dickung von innen aussah und vermuteten den Kessel in einem Schneebruch.

Diese Rotte wollten wir unbedingt sprengen. Der Fährtenverlauf bestätigte unsere Annahme, daß die Sauen im Schneebruch steckten. Wenige Meter vor den am Boden liegenden Fichtenwipfeln hatte ich dann Sauwitterung in der Nase. Ich wartete, bis ich Sichtkontakt zu meinem Lehrling hatte, und auf Zuruf drangen wir mit allen vier Hunden, bereits geschnallt, aber noch auf dem Arm, in diesen besonders dichten Einstandsteil ein.

Als ich vor mir eine Sau blasen hörte, ließen wir auf Zuruf die Hunde frei. Was sich dann um uns herum abspielte, war „gigantisch“. Es wimmelte geradezu von Sauen. Nach allen Seiten flitzten die Stücke aus den Kesseln. Keifende Hunde, Blasen, Grunzen und Quieken der Sauen vermischte sich, durch das Anrüden unserer Hunde noch gefördert, mit hellem Hundelaut.

Dann wurde es ruhiger. Nur der Hetzlaut der Hunde war noch zu hören. Wir warteten auf die ersten Schüsse. Und dann ging es los. Rundum fing es an zu knallen. 22 Schüsse zählten wir im Verlauf einer viertel Stunde. Ich gab noch fünf Minuten zu und blies dann das Treiben ab.

Als wir alle eine Stunde später am Sammelplatz standen und die Strecke gelegt war, blickte man nur noch in frohe Jägergesichter. Außer zwei Schützen waren alle anderen zu Schuß gekommen. Auch ich als Jagdleiter war begeistert, denn erstens war das eine Jagd nach meinem Geschmack, bei der alles so lief wie geplant, und zweitens gab es an dieser Strecke nichts zu mäkeln: Es lagen 13 Frischlinge und zwei Überläufer von knapp 40 Kilogramm.

Nach dem Verblasen zog die Jagdkorona ab in Richtung Dorfkrug. Wir kontrollierten noch drei Anschüsse mit dem Schweißhund, die aber Fehlschüsse ergaben und lieferten abschließend die Strecke ins Kühlhaus. Als wir zur Jagdgesellschaft stießen, herrschte dort schon beste Stimmung. Jeder hatte etwas zu erzählen. Zwei Jäger hatten ihre erste Sau erlegt.

Im Laufe des Abends gesellten sich dann immer mehr Dorfbewohner zu uns, feierten mit und nahmen Anteil an unserem Jagderfolg. Ein unvergeßlicher Jagdtag.

Foto: Wolfgang Radenbach und Hansgeorg Arndt

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