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04/2000
Die Reifeprüfung

Wo sind die reifen Stücke, vor allem bei Rot- und Schwarzwild? Der Hegering-Gedanke taugt oft nur für Sonntagsreden. Die DJZ plädiert für Hege-Blöcke: klein, überschaubar und funktionierend.

Von Hans-Joachim Duderstaedt

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Reifer Rothirsch

die reifeprüfung

Wo sind die reifen Stücke, vor allem bei Rot- und Schwarzwild? Der Hegering-Gedanke taugt oft nur für Sonntagsreden., meint die DJZ und und plädiert für Hegeblöcke: klein, überschaubar und funktionierend

Bevor man etwas verändern will, sollte man zuvor genau analysiert haben, warum man das tut. Am besten und aussagefähigsten sind hier Zahlen, die wiedergeben, wo wir Jäger uns in der Verantwortung im hegerischen Umgang mit unseren Schalenwildarten befinden. Da Rheinland-Pfalz sicher so gut oder schlecht ist wie jedes andere Bundesland, stammen die hier recherchierten Zahlen aus diesem waldreichsten deutschen Bundesland.

Beginnen wir mit der Rotwildhegegemeinschaft Struth, der ich selbst vorstehe. Wir erlegen nach nun über zehn Jahren permanenter Reduzierung, gemessen an den letzten vier Jahren, keinen Hirsch mehr, der das zehnte Jahr erreicht hat. Innerhalb des gesamten Rotwildringes Vorderhunsrück sind bei einer Flächengröße von rund 50 000 Hektar im Jagdjahr 1998/99 vier Hirsche zehn Jahre und älter zur Strecke gekommen. Und der Rotwildring Vorderhunsrück hat, im Vergleich mit allen anderen Rotwildringen in Rheinland-Pfalz, der Anzahl nach noch die meisten Hirsche über zehn Jahre vorzuweisen.

Erschreckend wird es, wenn man die Gesamt-Rotwildstrecke von 1994 bis 1998 heranzieht. Erlegt wurden im Schnitt 4825 Stück Rotwild. Dieser Zahl stehen – unterstellt man, daß 50 Prozent männliches Wild erlegt wurde – 32 Hirsche zehn Jahre und älter gegenüber, nach Begutachtung durch die Bewertungskommissionen. Das sind erbärmliche 1,3 Prozent des männlichen Abschusses.

Noch katastrophaler sieht es beim Schwarzwild aus, der anderen Reviergrenzen überschreitenden Wildart. Hier kamen von 1994 bis 1998 durchschnittlich pro Jahr 34937 Stück Schwarzwild zur Strecke. Darunter waren im Jagdjahr 1998/99 174 reife Keiler, also mindestens fünf Jahre und älter: Das sind 0,5 Prozent (!) der Gesamtstrecke.

Das Zahlenwerk stammt, was die Jahresgesamtstrecken angeht, aus dem DJV-Handbuch. Die übrigen Zahlen (reife Stücke) muß man sich mühsam zusammensuchen. Mein Vorschlag ist, auch wenn es Mühe kostet: jährlich veröffentlichen, was in den einzelnen Kreisen an reifen Stücken, zumindest beim Hochwild, erlegt wurde und zwar nach Einsatz der Bewertungskommissionen.

Wir erhielten so einen Spiegel, der uns von Jahr zu Jahr zeigt, wo wir stehen mit unserer im Gesetz verankerten Hegepflicht! Mich jedenfalls würde dieser Service, der doch sehr zur Transparenz und Ehrlichkeit der Ist-Situation bei den einzelnen Hochwildarten beitragen würde, mehr interessieren als Stammtischtermine oder Geburtstage.

Zur Zeit scheinen wir mit unserer Hege am Ende zu sein. Bei allen großflächig lebenden Schalenwildarten müssen derzeit der Altersklassenaufbau katastrophal und die Sozialstrukturen desolat sein. Eine Reifeklasse gibt es so gut wie nicht mehr, obwohl wir zahlenmäßig Strecken erzielen wie nie vorher. Aber: Qualitativ gibt es, im negativen Sinne, wohl kaum mehr eine Steigerung.

Der Versuch, die Probleme über Hegegemeinschaften konzentrierter anzugehen, war sicher ein löblicher Weg. Es hat sich jedoch gezeigt, daß außer Schönreden und Lügen in die eigene Tasche ein durchschlagender Erfolg nicht erreicht wurde. Erfolg heißt in diesem Fall: ein höchstmöglicher Anteil an reifen Stücken an der Gesamt-Schalenwild-Strecke.

Beim Rotwild läge die Meßlatte, biologisch betrachtet, bei 15 bis 20 Prozent, die in der Reifeklasse erlegt werden müßten, wäre der Bestand altersstrukturmäßig korrekt gegliedert. Beim Schwarzwild wollten wir als erklärtes Hegeziel doch zehn bis 15 Prozent in der Reifeklasse abschöpfen!

Wir, als verantwortliche Jäger, sind hier unter ein akzeptables Minimum gerutscht. Defizitäre und zerschlagene Sozialstrukturen auf Jahre hinaus sind das Ergebnis von Hege und Jagd an der Schwelle zum dritten Jahrtausend.

Die Bildung von Hegegemeinschaften in den letzten 30 Jahren hat leider auch gezeigt, daß alleine auf freiwilliger Basis unter Jägern eine kontrollierbare, klar zielorientierte Wildbewirtschaftung, oder bleiben wir bei dem Begriff Hege, nicht möglich war und ist. Theorie und Praxis sind eben zweierlei.

Dabei wäre es doch ganz einfach: Richtlinien und Statuten, denen in Versammlungen einstimmig zugestimmt wurde, müßten auch praktiziert werden. Genau das ist aber der Schwachpunkt. Man zieht sich hinter die eigenen kleinen Reviergrenzen zurück. Es fällt einem ein, daß die Pacht in ein paar Jahren abgelaufen ist, stellt fest, daß die Kirrung des Nachbarn 50 Meter von der Grenze nach wie vor aktiviert ist und überhaupt: Es gibt ja genug Wild, warum soll man „traditionell Bewährtes“ ändern?

Diese Denkart, gefördert durch ständig kleiner werdende Reviere, Einjahrespachten, kurzeitbefristete Jagdpakete, Pirschbezirke auf Kleinstflächen en masse – die häufig auf ein Jahr befristet sind, weil die Wartelisten groß sind und man ja sozial sein will – haben den gegenwärtigen Zustand heraufbeschworen. Hinzu kommt, daß oftmals Sau und Hirsch als Teilfinanzierung der Pachtaufwendungen fest eingeplant sind. Und die Einstellungen zur Sache sind unterschiedlich von Revier zu Revier ebenso wie von Forstamt zu Forstamt.

Entscheidend sind letztlich die Menschen, Jagdpächter oder Jagdleiter in Regiejagden, die das Sagen haben. Es muß die Frage erlaubt sein, wie weit man Jägern und Forstleuten im Umgang mit dem Volksgut Wild zukünftig Raum läßt für eigene Ideologien, Raum zum eigenen Süppchenkochen, angesichts einer klar definierten Forderung, die Wildbiologie und Jagdwissenschaft stellen.

Es ist ja nicht so, daß eine biologisch so wichtige Altersklassenhege nicht möglich wäre. Wir haben ein Jägerproblem, kein Wildproblem. In großen Eigenjagden privater und staatlicher Couleur erzielt man beachtliche Erfolge. Beispiel Reinhardswald: Hier erlegt man pro 1000 Hektar einen Hirsch, der zwölf Jahre und älter ist. In einem privaten Revier in der Steiermark, in dem ich selbst fünf Jahre tätig war, waren und sind es sogar pro 1000 Hektar zwei Hirsche (zwölf Jahre und älter), die nachhaltig erlegt werden. In beiden Beispielen sind menschliche Egoismen ausgeschaltet. Es gibt Jagdleiter, die Richtung und Umgang bestimmen.

Der bittere Schluß aus diesen Fakten: Wir können eine Selbstverantwortung der Jäger und Förster, was die Wildhege nach Qualität betrifft, vergessen. Es fehlt der flächendeckend notwendige rote Faden, der sich sach- und zielgerichtet orientiert und Dilettantismus und Ideologien ausschaltet.

Selbstgestalterisch werkeln wir nun schon seit Jahrzehnten von Jagdbezirk zu Jagdbezirk „anders“, und das Ergebnis ist vernichtend. Umzusetzen in Verordnungen und Gesetze sind Vorgaben, die sich aus der Erhaltung gesunder, sozial intakter, altersstrukturmäßig stabiler Wildbestände definieren.

Zur Zeit gibt es weitgehend keinen Hegegedanken in dieser Konsequenz. Das zeigen „Hegeschauen“ und Zustand der Wildbestände landauf und landab. Im Vordergrund steht der Verlust des Hegegedankens durch permanent flächenreduzierte Jagdbezirke. Angesichts einer Vielzahl von Minirevieren, wo manchmal noch nicht einmal Rehe als Standwild vorkommen, wird beim Schalenwild selten selektiv beziehungsweise wildbiologisch korrekt gejagt.

Die Jäger klagen zurecht über diesen Zustand, nehmen aber keinerlei Einfluß darauf, es ändern zu wollen. Im Gegenteil: 100-Hektar-Reviere „mittendrin“ sind anscheinend die attraktivsten, denn es werden hier Hektarpreise gezahlt, die völlig aus dem Rahmen fallen. Die Motivation, solche Reviere anzupachten, bedarf keines Kommentars.

So oder so beklagen und rechtfertigen viele Jäger den Zustand der Wildbestände und der praktizierten Jagdmethoden über diesen Umstand. Zu Recht? Ich sage nein! Wir sind es, die verantwortlich für das Wild sind. Handeln wir alle entsprechend.

Aber genau da liegt des Pudels Kern: bei der eigentlich selbstverständlichen Einigkeit unter Jägern in der Sache. Wir haben keine, weil kaum eine Gesellschaftsgruppierung so von Egoismen gesteuert wird wie die Jägerschaft. Und da Uneinigkeit schwach macht, haben wir keine starke Lobby und damit auch zunehmend geringeren Einfluß. Das einzige, wo Einigkeit besteht, ist der Umgang mit Faktoren, die die Jagd im derzeitigen Verständnis stören.

Wenn nun aus der Klage wegen zu vieler kleiner Jagden, die angeblich „alles“ kaputt machen und dem weitgehenden Scheitern der Hegegemeinschaften ein Schluß gezogen wird – auch weil eine Anhäufung vieler Reviere deswegen nicht funktioniert, weil zu viele Jäger darin integriert sind, die nicht „auf Linie“ zu bringen sind – ist es sinnvoll, etwas Neues, mit weniger Menschen auf kleinerer Fläche, zu fördern: die Bildung von Jagd- oder Hegeblöcken. Sie definieren sich folgendermaßen: Mehrere strukturmäßig zueinander passende Jagdbezirke schließen sich zu Jagdblöcken in Größenordnungen von mindestens 2000 Hektar zusammen.

So könnten zum Beispiel die Hegeringleiter vor Ort helfen bei der Auf- und Zuteilung eines Hegeringes, je nach Flächenagröße, in mehrere Jagdblöcke. Der Hegeringleiter kommuniziert mit den Sprechern der Jagdblöcke und gewährleistet so ein konstruktives und effektives Arbeiten.

Die Jagdblöcke selbst verstehen sich als eigenständige Hegegruppe, gestalten, jagen und setzen nach innen um, was in gemeinsamer Absprache der Pächter gewollt ist. Der Kreativität, einen Jagdblock in der Sache mit Leben zu füllen, sind keine Grenzen gesetzt. Das neue Gefühl im Bewußtsein der Großflächigkeit muß sich positiv auf Wild und Jagd auswirken, und der überschaubare Kreis an Menschen ist ein wesentlicher Punkt intakter Zusammenarbeit.

Um das DJZ-Versuchsrevier hat sich ein solcher Jagdblock gebildet. Es dürfte einer der wenigen in Deutschland sein, in dem konkret definiert ist, wie mit der Gesamtjagdfläche umgegangen wird. Der Jagdblock besteht aus einem Eigenjagdbezirk und drei gemeinschaftlichen Jagdbezirken und umfaßt eine zusammenhängende Waldfläche von 1600 Hektar bei 600 Hektar Feld und Grünlandflächen. Gehegt wird nach gleichlautenden Richtlinien Rot-, Schwarz-, Reh- und Muffelwild. Ohne die Trophäe in den Vordergrund rücken zu wollen, kann man feststellen, daß reife Stücke aus diesem Jagdblock der hiesigen Hegering- und Kreisschau einen gewissen „Glanz“ verleihen.

Dabei geht es nicht nur darum, das Wild alt genug werden zu lassen. Maßnahmen, die den Lebensraum vernetzen und damit aufwerten, werden ebenso praktiziert wie gemeinsame Jagdstrategien, Sicherung des Jagderfolges und die Reduzierung von Schäden in Wald und Feld.

Zu dieser Jagdblockbildung braucht es nichts weiter als die Initiative der Jagdausübungsberechtigten selbst. In sachlicher Hinsicht gibt es eigentlich nichts, was dagegen spricht, vorausgesetzt, wir sind ernsthaft daran interessiert, bestehende Defizite zu beseitigen. Mir scheint das der einzig gangbare Weg zu sein, der zum Teil selbst verschuldeten Salamitaktik unserer Gegner allgemein wirkungsvoll entgegenzutreten, an deren Ende, wenn überhaupt noch, eine Jagd steht, die keine Freude mehr bereitet.

Notwendig ist zunächst einmal, daß wir Egoismen hintenan stellen, um dann festzustellen, daß der einzelne Pächter keine Nachteile hat. Darüber hinaus zählt dazu die Bereitschaft, Zeitgemäßes zu akzeptieren. Wir machen einen jagdvernichtenden Fehler zu glauben, ohne Flexibilität, Akzeptanz, Anpassungsfähigkeit, Selbstkritik und Offenheit die Zukunft für Wild und Jagd gestalten zu können.

Der Jagdblock könnte dazu imstande sein, uns Jäger zu unseren Wurzeln zurückzubringen. Es steht uns allen Jägern – und wir waren es, die eine Hegepflicht im Gesetz verankert wissen wollten – eine Aufgabe bevor, bei der wir endlich einmal beweisen können, daß es uns mit dem Gemeinschaftsgeist ernst ist. Zur Zeit sehe ich weit und breit noch nicht einmal einen Ansatz, der im Umgang mit grenzüberschreitenden Schalenwildarten auch nur annähernd in die richtige Richtung deutet.

Foto: Hansgeorg Arndt

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