An ihren Stangen sollt Ihr sie erkennen
In sachgerecht geführten Rotwild-Revieren werden die Verantwortlichen sich im Laufe der Jahre eine respektable Abwurfstangen-Sammlung zulegen. Wildmeister Hans-Joachim Duderstaedt berichtet aus dem DJZ-Hegeblock. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Stangensuche.
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 | Selbst wenn man Rotwild jahrelang in freier Wildbahn beobachtet hat, ist es ein besonderes Erlebnis, de Stangen tatsächlich fallen zusehen. |
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In Rheinland-Pfalz, in dem der DJZ-Hegeblock liegt, beginnt mit Ende der Jagdzeit (15. Januar) am 16. Januar die Fütterungszeit des Rotwildes. An dieser Stelle möchte ich keine Diskussion los treten, ob in Mittelgebirgslagen wie bei uns eine Rotwildfütterung sinnvoll oder notwendig ist, oder man darauf verzichten sollte. Ich halte sie mit Erhaltungsfutter, also Heu, Gras-Silage und Futterrüben für sinnvoll. Bei sachgerechten Fütterungskonzepten werden Schäl-, Verbiss-Schäden und Schäden in der Landwirtschaft bei uns besonders an Rapsschlägen vermindert.
Nicht unterschätzen sollte man in diesem Zusammenhang aber, dass man bei einem vernünftigen flächendeckenden Fütterungskonzept sehr genaue Bestandserfassung betreiben kann.
Bereits nach zwei bis drei Wochen Schonzeit wird das Rotwild zunehmend tagaktiv. Ende Februar ist es recht vertraut, und mit Beginn der Hornung, dem Abwerfen der Geweihe, steigt auch bei uns die Spannung. Ein einmaliges Erlebnis Wie erlebnisreich solche Beobachtungen sein können, zeigt folgender Ansitz. Gemeinsam mit Jagdfreund Guido sitze ich am 3. März abends an der Fuchswiesen-Fütterung. Zwei Schafe, ein Schmalschaf und fünf mittelalte Widder nehmen schon vertraut Futterrüben auf, als wir aufbaumen. Nach zirka 20 Minuten überfallen nacheinander drei Alttiere mit ihren Kälbern und ein Achter vom zweiten Kopf den Weggraben und gesellen sich zum Muffelwild, das vom anwechselnden Rotwild keine Notiz nimmt. Auf dem gleichen Wechsel erscheint ein Hirsch mit bereits abgeworfenem Geweih. Es ist der uns bekannte Achtzehn-Ender, der am 1. März unmittelbar neben dem Heuballen eine Stange hinterließ.
Leider blieb das Suchen nach der zweiten Stange zunächst nur im unmittelbaren Bereich um die Fütterung erfolglos. „Jetzt müsste eigentlich der Sechzehn-Ender kommen“, meint Guido. Die beiden sieben- und achtjährigen Hirsche stehen schon seit Wochen zusammen. Es folgt zunächst ein Kronenzehner, der sich beeilt, an die Rüben zu kommen. Dann hören wir wieder Schalen auf dem Weg knirschen. Ein Hirsch mit nurmehr der linken Stange erscheint. Es ist der Sechszehn-Ender. Er zieht ruhelos das Haupt nach rechts schief haltend umher und wirkt fast krank.
Der Hirsch macht jetzt ein paar Fluchten, verhofft, streckt den Träger dehnend nach vorn, dreht das Haupt mal nach links, mal nach der rechten Seite. Offenbar hat er Schmerzen. Obwohl wir zirka 60 Meter vom Hirsch gebannt durch unsere Gläser schauen, hören wir erst ein deutliches Knacken, wie wenn man einen daumenstarken Ast zerbricht, und sehen dann die Stange fallen.
Der Hirsch steht zunächst da wie ein Sägebock, breitläufig, das Haupt fast am Boden. Schweiß läuft an den Lichtern herunter und tropft langsam in den Schnee. Das Muffelwild und das Kahlwild sind durch das auffällige Verhalten des „Knackhirsches“, der natürlich jetzt seinen Namen weg hat, eingezogen.
Der Achtzehn-Ender tut so, als ginge ihn das nichts an. Allein die beiden jungen noch aufhabenden nehmen jetzt auffällig den Äser hoch und ziehen zum „Knackhirsch“. Je näher sie kommen, um so aggressiver wird ihre Bewegung. Ich ahne, was passieren wird. Und schon geht die Hetze los. Man hat den Eindruck, die jungen Hirsche vergelten nun manchen Puff und Hieb, den sie im Laufe des Jahres erhalten haben. Schon oft habe ich dieses Verhalten beobachten können. Und es geht dabei bei Gott nicht spaßig zu. Letztlich kommt es aber nur ganz selten zu Verletzungen.
Nachdem der Achtzehn-Ender eingezogen ist, können wir es natürlich nicht unterlassen, die Stange zu holen. Die Pass-Stange fanden wir übrigens am nächsten Morgen. Sie lag im Weggraben. Durch das auffällige Erscheinen des Hirsches hatte ich schon vermutet, dass er sie beim Überfallen des Grabens verloren hatte.
Das Abwerfen der Geweihe zieht sich über einen Zeitraum von fast drei Monaten hin. Es gibt unter gleichaltrigen Hirschen Früh- und Spätabwerfer. Ein uns bekannter Hirsch kam schon Ende Januar kahl zur Fütterung, während uns einige Hirsche bekannt waren, die trotz ihres Alters von sieben bis neun Jahren erst um den 20. März herum abwarfen.
Das Gros der Hirsche, sechs Jahre und älter, wird sicher in der ersten Märzhälfte abwerfen. Es folgen dann nach und nach die jüngeren Jahrgänge, bis Ende April dann auch die Schmalspießer abgeworfen haben.
Übrigens hat frühes oder spätes Abwerfen gleicher Altersklassen nichts mit früherem oder späterem Fege-Zeitpunkt zu tun. Auch stimmt es nicht, dass Frühabwerfer meist besonders starke Hirsche sind, wie man immer wieder hört. Das Gegenteil ist eher der Fall und zwar ganz einfach deshalb, weil bedingt durch sofortiges Nachwachsen der März-Abwerfer dem Januar-Abwerfer gegenüber äsungsphysiologische Vorteile hat. Sein Geweih beginnt unter viel günstigeren Äsungsbedingungen mit beginnender Vegetation zu wachsen.
Im Zusammenhang mit dem Abwerfen müssen wir besonderes Augenmerk auf die Hirsche lenken, die manchmal Wochen nach der normalen Abwurfzeit noch auf haben. Sind es geringe, hat das keine Bedeutung, weil sie durch ihren ohnehin nicht ausgereiften Körperbau Schwankungen unterliegen. Bei starken, reifen Hirschen wird wahrscheinlich ein Kümmern durch Verletzungen (Forkeln, Schuss, Verkehr, Zäune) vorliegen. Sie werden normalerweise ein etwas schwächeres Geweih als im Vorjahr schieben, zumindest fällt eine Stange schwächer aus, weil die Verletzung regeneriert werden muss. Dieses folgende schwächere Geweih wird dann sehr schnell als „Zurücksetzen“ interpretiert. Im Jahr darauf, nach der Genesung, schieben die Hirsche dann einen oft deutlich stärkeren Hauptschmuck.
Es macht natürlich keinen Sinn, während der Abwurfzeit „ständig hinter den Hirschen her zu schleichen“ oder gar die Einstände zu beunruhigen. Eher führt das dazu, dass die Hirsche ihre Einstände verlassen, und man findet dann weder die Stangen noch die Hirsche.
Natürlich gibt es in den Rotwild-Gebieten allenthalben „stille Teilhaber“, die in ihrer „Abwurfstangen-Passion“ kaum zu bremsen sind. Über Prämien bis hin zum Vorzeigen der Stangen bei Zusicherung, sie behalten zu dürfen, muss man versuchen, diese Leute in den vernünftigen Jagdbetrieb einzubinden
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Wir selbst suchen im ersten Licht morgens die Fütterungen und deren nähere Umgebung nach Stangen ab. Findet man hier frischen Schweiß, lohnt es sich, genauer zu suchen. Oft hat ein Hirsch frisch abgeworfen.
Die Haupt-Einstände in der Nähe der Fütterungen suchen wir allerdings erst ab, wenn auch die mittelalten und alten Hirsche abgeworfen haben, also so gegen Ende März.
Recht einfach war das Ganze bei meiner Berufsjägerarbeit im steirischen Hochgebirge.Foto: Hans Joachim Duderstaedt
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