Das DJZ-Revier: Vier Schalenwild-Arten im Revier ...
Im Revier der Deutschen Jagd-Zeitung teilen sich Reh- und Schwarzwild mit Rot- und Muffelwild den Lebensraum. Nach fast 20 Beobachtungsjahren berichtet Wildmeister Hans-Joachim Duderstaedt im Juli 2002, wie sich die vier Schalenwild-Arten „vertragen“.
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Um die Fragen zu beantworten, ob, wenn ja, warum oder weshalb sich bestimmte Schalenwild-Arten miteinander „vertragen“, ist es notwendig, kurz die Arten und ihr Verhalten zu beschreiben. Rehwild Das Rehwild gilt als „Konzentratselektierer“. Bei bis zu zwölf Äsungsphasen pro Tag, ist es auf gehaltvolle, eiweißreiche Nahrung angewiesen. Im Jahresdurchschnitt benötigt ein ausgewachsenes Reh täglich etwa 1,5 bis 2,5 Kilogramm Nahrung. Gravierende Nahrungskonkurrenz zu den anderen Pflanzenfressern besteht nicht, da Rot- und Muffelwild andere Pflanzen bevorzugen.
In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Rehwild-Bestand im DJZ-Revier zum Erreichen der waldbaulichen Ziele deutlich reduziert. Dazu war es nötig, zeitweise bis zu 25 Rehe pro 100 Hektar Waldfläche zu erlegen. Als erst die Fichte, dann die Buche und weitere Baumarten ohne Zaunschutz aufwuchsen, konnten die Abschusspläne deutlich gesenkt werden.
Gegenwärtig werden fünf bis sechs Rehe auf 100 Hektar Wald pro Jahr erlegt. Innerhalb des DJZ-Jagdblockes (Zusammenschluss mehrerer Reviere) ist das Betriebsziel im waldbaulichen Gutachten, bezogen auf Rehwild, in allen Revieren als nicht gefährdet eingestuft.
Der „Respektabstand“ zu Rot-, Muffel- und Schwarzwild liegt bei dem tagaktiven Verhalten „unseres“ Rehwildes bei zirka 15 Metern. Interessant ist dabei, dass der „Respektabstand“ unter den Rehen gleichen Geschlechts deutlich höher liegt. Rotwild Rotwild gilt als „Intermediär-Äser“ oder auch Zwischenäsungstyp. Es nimmt pro Tag bis zu 20 Kilogramm Nahrung in zwei bis vier Äsungsphasen auf. Den Hauptbestandteil bilden mit bis zu 60 Prozent Gräser. Weitere Nahrungsbestandteile sind Blätter, Knospen, Triebe sowie Feldfrüchte aller Art.
Die Aufnahme von Baumrinde (schälen) im Sommer wie auch im Winter, ist weder erblich bedingt, noch eine Folge von „Langeweile“, sondern eine Mangelerscheinung, sprich Hunger. Die Ursache ist in den meisten Fällen der sich falsch verhaltende Mensch, auch der Jäger, der einen natürlichen Äsungsrhythmus verhindert und das Rotwild in die Einstände zwingt, die außer Rinde keine Nahrung bieten (sog. Vorzimmerverbiss). Der oft flächendeckende Jagddruck auf Schwarzwild, auch zur Nachtzeit im Wald, verschärft das Problem.
Im DJZ-Jagdblock (insg. 2.200 Hektar, davon 1.600 Hektar Wald), dürfte die Bestandsdichte bei etwa vier Stück Rotwild pro 100 Hektar Wald im Jahresdurchschnitt liegen. Mit 24 Stück Rotwild wurde der Abschuss 2001 mit drei Stück Kahlwild übererfüllt. Die Schälsituation ist insgesamt unproblematisch. In zwei Revieren lautet das Ergebnis nicht gefährdet, in einem Revierteil gefährdet. Geschält wird außerhalb von Kulturgattern ausschließlich die Fichte.
Jagdstrategisch ist Rotwild die sensibelste und störungsanfälligste Wildart. Die Einzeljagd wird ausschließlich auf Feist- und Brunfthirsch betrieben. Bis auf ein Kalb konnte der gesamte Kahlwild-Abschuss an drei Jagdtagen erfüllt werden. Von Jagddruck kann man also kaum sprechen.
Rotwild, vor allem Hirsche, verhält sich den anderen bei uns vorkommenden Schalenwild-Arten gegenüber dominant, jedoch nicht aggressiv. Bei der Nahrungsaufnahme auf den Äsungsflächen tagsüber oder in der Dämmerung steht es häufig mit Schwarz- und Muffelwild vermischt. Von einem Respektabstand dieser beiden Wildarten gegenüber kann nicht die Rede sein.
Mir ist bewusst, dass die Literatur und allgemeine „Traditionsmeinungen“ dem widersprechen. Ich beschreibe aber auch nur die Situation in unserem Jagdblock, und das sind nach fast 20 Dienstjahren tausende von Beobachtungsstunden. Den Anspruch der Allgemeingültigkeit erhebe ich selbstverständlich nicht.
Das „andere“ Verhalten bei uns führe ich auf die deutlich andere Tag- und Dämmerungsaktivität zurück. Sie ist die Folge geänderter Jagdstrategien mit Jagdruhephasen, Wildruhezonen und dem Verzicht seit 15 Jahren auf die Nachtjagd im Wald. Rotwild „dankt“ uns das mit geringen Schälschäden und hoher Standorttreue und guter Beobachtbarkeit. Muffelwild Muffelwild gilt als reiner Raufutter-Fresser. Es ist, wie die meisten Boviden, sehr genügsam. Äsungskonkurrenz zum Rot- und Rehwild ist unbedeutend. Muffelwild wird als nicht autochthone Wildart häufig kritisiert. Bedenkt man jedoch, was in Europa unterdessen alles nicht autochthon ist, wäre vielleicht eine gewisse Gelassenheit zu empfehlen.
Muffelwild neigt, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Rotwild, zum Schälen. Rammschäden, überwiegend an älteren Stämmen (Fichte und Buche) kommen vor, besonders bei dem Wechsel aus dem Stoffwechseltief im April beziehungsweise Mai. Ich interpretiere dieses Verhalten zugegebenermaßen etwas vermenschlicht als „Übermut“ oder „Lebensfreude“. Verursacher sind nach unseren Beobachtungen einige wenige Widder der mittleren Altersklasse.
Muffelwild nutzt auch die Äsungsmöglichkeiten im Feld, wobei sich bei uns die Schäden in Grenzen halten. Gibt es genügend Äsungsflächen im Wald, wird es sich hier vorrangig die etwa 3,5 Kilogramm Nahrungsmasse pro Tag in vier bis sechs Äsungsphasen suchen.
Der DJZ-Jagdblock bildet den Kern des etwa 70 Stück hohen Gesamt-Frühjahrsbestandes im Geschlechterverhältnis von 1:1. Nach einer bewussten Reduzierung in den Jahren 1999 bis 2001 mit Gesamt-Abschusszahlen von 35 bis 49 Stück pro Jahr, haben wir jetzt die beabsichtigte Bestandeshöhe erreicht. Das Muffelwild ist gesund, Moderhinke und Einwachser sind hier unbekannt. Auch die Trophäenqualität ist gut, was mehrere landesbeste Widder beweisen.
Muffelwild hat den Ruf, andere Schalenwild-Arten zu verdrängen. Das kann ich bei uns nicht bestätigen. Es rudelt sich bei der Äsungsaufnahme zeitweise mit dem Rotwild zusammen. Zu Sauen liegt der Respektabstand bei etwa zehn Metern. „Unser“ Muffelwild lebt in dem von ihm selbst gewählten „Streifgebiet“ standorttreu bei voller Nutzung des Gesamtterritoriums.
Wir bejagen das Muffelwild überwiegend vom Ansitz, was bei der Tagaktivität dieser Wildart unproblematisch ist. Etwa ein Drittel des weiblichen Wildes kommt bei den Bewegungsjagden zur Strecke. Schwarzwild Schwarzwild ist bekanntlich kein Wiederkäuer. Als Allesfresser gibt es kaum Nahrungskonkurrenz gegenüber den anderen Schalenwild-Arten, sieht man einmal davon ab, dass die Sauen im Mai und Juni ausgesprochen gern Gras und Klee aufnehmen, man möchte fast sagen „weiden“.
Mittlerweile ist bekannt, dass Sauen sehr territorial leben..., wenn wir das tolerieren. Durch intensive Jagd werden die Rotten allerdings zum „herumzigeunern“ gezwungen. Da, wo es knallt, bleiben sie längere Zeit aus. Ein tagaktives Dasein ist ihnen nur noch in wenigen großen Waldrevieren vergönnt.
Im DJZ-Jagdblock genießen die Sauen im Wald, außer bei den großen Bewegungsjagden und den Jagden bei Schneelagen, weitgehend Jagdruhe. Im Felde werden sie, wie in anderen Revieren, intensiv ganzjährig bejagt, mit Schwerpunkt bei den Frischlingen. Bei den Bewegungsjagden und gekreisten Jagden im Herbst und Winter erzielen wir zirka 85 Prozent der Schwarzwildstrecke, im Schnitt 130 bis 150 Stück. Durch diese territoriale tag- und dämmerungsaktive Lebensweise im Wald sind die Rotten für die anderen Wildarten „berechenbar“. Es kommt bei uns nur selten vor, dass Rehwild beim Auswechseln von Sauen schreckt. Rot- und Muffelwild markieren meist nur durch kurzes Aufwerfen. Wiederum etwas vermenschlichend: „Man kennt sich eben.“ Alle vier Arten vertraut nebeneinander Besonders im Mai und Juni ist es ein faszinierendes Bild auf einer Äsungsschneise im Einstand alle vier Schalenwild-Arten vertraut nebeneinander zu beobachten.
Was ist der Grund für dieses Verhalten? Die tagaktive Raumnutzung wird bei uns durch entsprechende Lebensraum-Gestaltung gefördert. Im Wald stehen dem Wild zur Zeit „vernetzt“ 35 Äsungsflächen zur Verfügung. Im Feld kommen in waldrandnahen Lagen 23 Flächen hinzu. Letztere dienen besonders der Wildschadensabwehr, aber auch der Jagd. Die Äsungsflächen im Wald liegen störungsarm in oder an den Einständen; das Äsungsflächen-Konzept dient vorrangig der Verbiss-Verminderung an Verjüngungsflächen.
Auch die waldbauliche Umgestaltung hilft bei unserem Konzept. In vielen Bereichen ist es gelungen, den Wald naturnah werden zu lassen. Auch wird längst nicht mehr, wie in der Vergangenheit, jeder Quadratmeter bewirtschaftet. Viele Flächen bleiben zumindest über einige Jahre der natürlichen Sukzession überlassen.
An dieser Stelle sei auch die gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Revierbeamten und den Waldbesitzern, aber auch den Vertretern des Naturschutzes vor Ort erwähnen. Ohne diese Zusammenarbeit wäre es nicht möglich gewesen, unser Gesamtkonzept zu realisieren.
Neben diesem Äsungsflächen-Konzept hat sicher auch unser Bejagungskonzept geholfen, tag- und dämmerungsaktives Wild mit besseren Raumnutzungsmöglichkeiten zu förden. Die Bejagung wird effektiv gestaltet. Gekoppelt mit Ruhe in den Einständen und vernetzten Äsungsflächen führte dies im Versuchsrevier zu tagaktivem Wild mit natürlichen Äsungsrhytmen.
Ohne mich wiederholen zu wollen, gehört die Intervalljagd dazu, der Verzicht auf Nachtjagd im Walde sowie schnelle Erfüllung der Abschusspläne auf einigen wenigen gemeinschaftlichen Bewegungsjagden.
Die forstliche Seite ist dabei, wie schon angedeutet, ausgesprochen kooperativ. Die forstlichen Arbeiten werden dem Intervalljagdsystem angepasst. Holzarbeiten durch Selbstwerber werden einvernehmlich abgestimmt.
Auch die Zusammenarbeit mit den Verkehrs- und Tourismus-Verantwortlichen bei der Ausweisung beziehungsweise Herausnahme von Wanderwegen läuft in gutem Einvernehmen.
Es lässt sich nicht leugnen, dass die Verhältnisse bei uns überdurchschnittlich gut sind und sich manches nicht in jedem Revier realisieren lässt. Aber eine bessere Zusammenarbeit von mehreren Feld- und Waldrevieren (wir nennen das, wie gesagt, Jagdblock) führt zu einer deutlichen Verbesserung der Wald-/ Wildsituation, der Wildschadenssituation, und letztlich haben auch die Jäger mehr Freude an der Jagd!
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